Der nasse Samurai

„Die Strassen sind nass. Und natürlich habe ich weder Schirm noch Regenjacke dabei. Ist aber auch nicht schlimm, schliesslich regnet es nicht.“
So kann man sich irren. Als ich auf meinem Arbeitsweg aus dem Zug stieg, änderte sich die Situation zu 33,3 %. Die Strassen waren immernoch nass, ich hatte immernoch keinen Schirm, und es regnete. Soweit meine Situation gestern Morgen.

Jedes Mal, wenn ich in einer solchen Situation bin, kommt mir ein Film von Jim Jarmusch in den Sinn: Ghost Dog, in dem Forest Whitaker einen Mafiakiller spielt, der sein ganzes Leben nach dem Hagakure ausrichtet. Das ist so eine Art Verhaltenskodex für Samurai.
In einer Szene kommt Ghost Dog, nachdem er sich einen neuen Anzug besorgt hat, in den Regen. Und ich meine nicht ein frühlingshaftes Nieseln, sondern centimetergrosse Tropfen die einen nach wenigen Sekunden bis auf die Knochen durchnässt haben. Und er schreitet mit geradem Rücken und offenen Augen durch das Nass von oben, als ob er an einem lauen Sommerabend durch den Park spazierte.
Die Begründung für sein Verhalten kann ich verstehen, wenngleich ich deren Ursprung als überholt und in der heutigen Zeit oftmals stark verklärt dargestellt empfinde. Es handelt sich um die folgende Stelle:

 

Man muß „die Lektion des Platzregens“ verstehen. Ein Mann, der unterwegs von plötzlichem Regen überrascht wird, rennt die Straße hinunter, um nicht naß und durchtränkt zu werden. Wenn man es aber einmal als natürlich hinnimmt, im Regen naß zu werden, kann man mit unbewegtem Geist bis auf die Haut durchnäßt werden. Diese Lektion gilt für alles.

Tsunetomo Yamamoto (1659-1719)
aus: “Hagakure – Der Weg des Samurai”

 

Diese Ruhe und Gelassenheit möchte ich gerne erreichen. Aber nicht, weil ich das Leben nicht schätzte *, sondern weil ich es im Gegenteil als Geschenk und darum als äusserst wertvoll erachte. Denn mein Ziel ist nicht der Tod und die Sinnlosigkeit, sondern das ewige und absolut sinnvolle Leben in der Gegenwart meines Schöpfers.

Auch wenn ich dem Hagakure gewiss nicht folge, so hat mir die bewusste Entscheidung, gelassen zu bleiben, gestern Morgen einen beinahe euphorischen Moment beschert.

  • Die Samurai sind, bei allen gelegentlichen kreativen und künstlerischen Ausbrüchen, Feinde des Lebens. Sie achten ihr eigenes Leben für nichtig, wieso sollten sie das von anderen höher achten?

Gestern – oder: Wo wart ihr damals?

Ich weiss noch genau wo ich stand. Im Büro eines damaligen Kunden meines damaligen Arbeitgebers. Das Handy klingelte und jemand rief mich an um mir zu sagen, ich solle mal eine Nachrichtenseite im Web öffnen. Flugzeuge wären in die Twin Towers gekracht.

Wenn ich heute daran zurückdenke, dann sehe ich mich wie von aussen dort stehen. Ich dachte, der Anrufer erlaubt sich einen üblen Scherz. Bis ich selber nachgeschaut und die ersten Bilder und später Videos gesehen habe.

Meine nächste Erinnerung in diesem Zusammenhang war ein Einkaufsbummel in einem lokalen Einrichtungshaus. Ich war auf der Suche nach einem Poster für eine der kahlen Wände in meiner Wohnung. Es war die Skyline von New York. Ich weiss nicht warum, jedenfalls habe ich es nie aufgehängt. Irgendwann ging bei einem Umzug die Scheibe des Rahmens in die Brüche. Das Poster habe ich trotzdem mitgezügelt. Nur konnte ich es nie aufhängen. Es ging einfach nicht. Heute, nach 16 Jahren, kommt es mir seltsam vor, das Poster immer in der Ecke und nie an der Wand gehabt zu haben. Allerdings würde ich mir das Poster heute auch nicht mehr kaufen. Nicht, weil mir das, was damals passierte egal wäre, sondern weil es uns nichts bringt, in die Vergangenheit zu blicken. Wir müssen mit der Hand am Pflug das Erlebte verarbeiten und nach vorne schauen. Dort ist das, wohin wir wollen, können und müssen.

Wir werden die Dinge, die wir erfahren und erlitten haben, vermutlich nie über Bord werfen können, aber wir können mit ihnen abschliessen und sie als einen Teil von uns akzeptieren. Etwas, das dazu beitrug uns zu dem Menschen zu machen, der wir heute sind.

Meine 10 Cent oder Rappen zum gestrigen Tag.

Der nackte Willy

Aus der Handaufzucht der geschlüpften Kücken von vor ein paar Monaten gingen bei uns zwei Hähne und ein Huhn hervor. Einer dieser Hähne, Willy, wurde leider aggressiv und hat sogar die Kinder angegriffen. Also haben wir ihn geschlachtet.

Ich bin grade beim Rupfen da kommt Bardin und meint: „Ich will den Willy auch mal nackt sehen.“

Sinneswandel

In letzter Zeit häuften sich die negativen Äusserungen unserer Kinder beim Essen. Aussagen wie „Bäh, das mag ich nicht.“ oder „Igitt.“ kamen immer häufiger über ihre Lippen.

Bis es eines Tages sogar meiner Frau reichte. „So, wenn ab sofort nochmal einer ‚Bäh‘ oder ‚Igitt‘ sagt, kriegt den ganzen nächsten Tag nichts Süsses. Also kein Zucker, keine Früchte, kein Joguhrt, nichts.“

Es muss wohl gewirkt haben. Seit fast einer Woche höre ich die Kinder nur noch Dinge sagen wie „Hmmmmmm, lecker.“

Die oder Der?

Ballerina verliert einen Schneidezahn. Sie fragt uns: „Wer bringt mir denn heute mein Geschenk?“

Frau und ich schauen uns halb fragend, halb lachend an und zucken mit den Schultern.

Darauf Ballerina: „Also wer nun, DIE Zahnfee oder DER Zahnfee?“

Keine grauen Haare

Gestern hat Bardin ein Bild gemalt. Für mich. Darauf waren unter anderem ein Haus, ein Baum, ein Mensch und noch ein paar andere Dinge zu sehen. Ich ahnte bereits, wen dieser Mensch darstellt, fragte sie aber trotzdem danach.

Bardin: „Du, Papa. Aber ich kann nicht so gut Locken malen. Und einen grauen Filzstift für die Haare hatte es auch nicht.“

 

Das Versteck

Bardin wollte ihre Lieblings Bonbons. Ich öffnete den Schrank und schaute rein, sah nichts.
„Da ist nichts, Bardin.“
„Doch, da sind noch drei Stück oder so drin.“
„Ich hebe dich hoch, dann siehst du, dass da nichts ist.“
Bardin steht auf der Anrichte, dreht sich zum Oberschrank um und greift ohne erst zu schauen zielsicher irgendwo rein. In ihrer Hand: die Dose mit den Bonbons.
Mit einem Grinsen sagt sie zu mir: „Mami hat sie versteckt.“

Parfümmotten

Bardin hat, sobald sie eine Flasche Parfüm, Deo oder ähnliches geschenkt bekommt immer nur den einen Wunsch: Die ganze Welt an ihrem Geschenk teilhaben zu lassen. Nur dass sich „die ganze Welt“ in solchen Fällen meistens auf ein oder zwei Zimmer, meistens die, in denen sich die ganze Familie tagsüber am häufigsten aufhält, beschränkt. Vorhin habe ich einen „Geruchstest“ bei ihr vorgenommen, weil sie meinte, sie hätte nur zwei Mal gespritzt mit dem Parfüm.

Ich: „Boah, das riecht aber ganz schön heftig.“
Bardin lächelt mich an: „Ja, das hält die Motten fern.“