Gestern – oder: Wo wart ihr damals?

Ich weiss noch genau wo ich stand. Im Büro eines damaligen Kunden meines damaligen Arbeitgebers. Das Handy klingelte und jemand rief mich an um mir zu sagen, ich solle mal eine Nachrichtenseite im Web öffnen. Flugzeuge wären in die Twin Towers gekracht.

Wenn ich heute daran zurückdenke, dann sehe ich mich wie von aussen dort stehen. Ich dachte, der Anrufer erlaubt sich einen üblen Scherz. Bis ich selber nachgeschaut und die ersten Bilder und später Videos gesehen habe.

Meine nächste Erinnerung in diesem Zusammenhang war ein Einkaufsbummel in einem lokalen Einrichtungshaus. Ich war auf der Suche nach einem Poster für eine der kahlen Wände in meiner Wohnung. Es war die Skyline von New York. Ich weiss nicht warum, jedenfalls habe ich es nie aufgehängt. Irgendwann ging bei einem Umzug die Scheibe des Rahmens in die Brüche. Das Poster habe ich trotzdem mitgezügelt. Nur konnte ich es nie aufhängen. Es ging einfach nicht. Heute, nach 16 Jahren, kommt es mir seltsam vor, das Poster immer in der Ecke und nie an der Wand gehabt zu haben. Allerdings würde ich mir das Poster heute auch nicht mehr kaufen. Nicht, weil mir das, was damals passierte egal wäre, sondern weil es uns nichts bringt, in die Vergangenheit zu blicken. Wir müssen mit der Hand am Pflug das Erlebte verarbeiten und nach vorne schauen. Dort ist das, wohin wir wollen, können und müssen.

Wir werden die Dinge, die wir erfahren und erlitten haben, vermutlich nie über Bord werfen können, aber wir können mit ihnen abschliessen und sie als einen Teil von uns akzeptieren. Etwas, das dazu beitrug uns zu dem Menschen zu machen, der wir heute sind.

Meine 10 Cent oder Rappen zum gestrigen Tag.

Marc

2 Comments

  1. Die vorangegangene Generation weiß genau, wo sie war, als Kennedy ermordert wurde. Diese (meine, Deine?) Generation genau, ein Leben lang, wo sie am 11.9.2001 war. Der Kollege kam ins Büro und meinte, ich solle mal dieses moderne Internet anmachen (mit dem er sich nicht sooo auskannte), und wir blieben stumm vor Entsetzen. Abends trafen wir, wie schon lange ausgemacht, eine polnische Freundin. Und es kam uns komisch vor, den Alltag weiterzuleben an diesem Tag. Denn wir wussten, wir waren in eine neue Epoche gestoßen. Und sind es heute Gottseidank nicht (mehr) die Flugzeuge, so sind es LKWs und Lieferwagen. Der Wahnsinn ist derselbe.

    • Hi Andreas,
      ja, ich betrachte die Generation von damals als meine.
      Es scheint fast, als hätte jede Generation Momente, zu denen ihr Ort, Zeit, Geruch etc. ins Gedächtnis gebrannt wurde.
      Gruss
      Marc

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